Zu Gast

Ich gehe zu den Leuten nach Hause. Egal, ob Großtier oder Kleintier, häufig stehe ich plötzlich in der Küche oder im Wohnzimmer. Mir ist es in der Regel unangenehmer als den Bewohnern. Hier schneit jeder bei jedem unangemeldet rein. Aber ich fühle mich unwohl als Nicht-Familienmitglied in den jeweiligen heiligen Hallen zu stehen. Ich fand es schon immer schwierig bei anderen Leuten zu Besuch zu sein. Ich führe das auf folgendes Erlebnis zurück:

Als ich Kind war, haben wir ein paar Jahre ‚Ferien auf dem Bauernhof’ gemacht. Bei einer solchen Gelegenheit saß ich mit den Eigentümern und meiner Spielkameradin zum Frühstück und steckte mir eine Scheibe Wurst ohne alles in den Mund, wofür mich ein gruseliger alter Mann tadelte mit den Worten ‚Machst du das zu Hause auch so?!’. Ihm fehlten zwei Finger. Seitdem tue ich mich schwer, mich bei anderen ‚wie zu Hause’ zu fühlen.

Ich finde es sehr interessant, mir die Inneneinrichtung anderer Leute anzusehen. Ich mag die Wohnungen alter Menschen, die in der Regel sehr zugestopft sind mit allem, was ein Leben lang angehäuft wurde. Nichts liegt so offen vor einem und ist so aufschlussreich wie eine Wohnung.

Das Ganze hat ein paar gravierende Begleiterscheinungen: Zum Beispiel Zigarrenqualm. Man kann den Leuten ja schlecht verbieten auf ihrem eigenen Grund und Boden ihre widerlichen Zigarren zu paffen, in deren Reichweite einem die Lungenflügel schmerzen und die Augen tränen. Oder Lärm. Es gibt einen Hof, dessen Melkanlage ist so laut, dass ich dort am liebsten nur mit Mickey Mäusen rumlaufen würde. Ich würde sie gern dafür verklagen, dass sie mein Gehör und meine Lungen schädigen. (Die Zigarren sind bestimmt zehnmal so schädlich wie meine läppischen schlanken Zigaretten…)  Auch schön: Fremde Menschen in Unterhose. Man weiß gar nicht, wo man hingucken soll. (Da denke ich immer an die armen Paketlieferanten, die mich Samstag mittag in Bademantel oder Schlafanzug antreffen.) Die Steigerung ist eine alte Dame, die die Toilettentür nicht zumacht und die ich schon mehrmals auf dem Topf sitzend überraschen durfte. Ich möchte das nicht! Das muss nun wirklich nicht sein! Und dann möchte sie sich an Ort und Stelle auch noch mit mir unterhalten…

7 Gedanken zu „Zu Gast

  1. daslandei

    Hm, mit „bei anderen Leuten in der Stube stehen“ hab ich zum Glück keine Probleme. Mit „Konversation bei offener Toilettentür oder in Unterwäsche“ hätte ich durchaus meine Probleme…

    Allerdings fand ich das hier auch am Anfang fürchterlich – denn bei den Voreigentümern war es üblich, dass man einfach rein ging und geschaut hat, ob jemand da ist 😯 Das haben wir sehr schnell abgestellt – denn das geht gar nicht!

    Ansonsten hoffe ich, dass die Leute, die ich hier in meine Wohnküche bitte mein durcheinander als wohnliches Chaos betrachten und sich an meinem Kaffeetisch wohl fühlen, auch wenn ich nicht einen schön dekorierten Keksteller aus dem Schrank ziehen kann oder „zufällig gerade einen Kuchen im Ofen“ habe. Sowas kann ich nicht.

    Antwort
    1. psychoberta Autor

      Jup, unangenehm, wenn plötzlich jemand im Wohnzimmer steht. Dann bin ich diejenige in Unterhose! Aber das mit dem Kuchen aus dem Ofen zaubern würde ich auch gern können. Es gibt hier echt solche Frauen, die Arbeit bis zum Hals haben, aber irgendwie trotzdem Hobbies haben, jeden Mittag ein warmes Essen auf den Tisch zaubern und immer Kuchen oder selbstgebackene Kekse im Haus haben. Völlig surreal… Bestimmt alles Roboter.

      Antwort
      1. daslandei

        Bestimmt Roboter! Ausserdem stellen die sich meistens als oberflächlich und arrogant raus meiner Erfahrung nach.

        Dann doch lieber kein Keksteller 😉

      2. psychoberta Autor

        Genau. Reden wir uns ein, dass sie böse Androide sind. Sie infiltrieren deutsche Haushalte, um die Macht über Spülmaschinen und Kaffeeautomaten übernehmen zu können, die dann irgendwann gegen uns in den Krieg ziehen werden. (Oder uns heimlich im Schlaf töten mit Seifenwasser und Kaffeesatz.)

  2. handvolldackel

    Wenn man sonst nichts zu tun hat, kann man durchaus immer Kekse haben. Ich persönlich arbeite mehr nach dem alten Sprichwort „A clean house is a sign of a wasted life“, aber ich backe wirklich gern, manchmal. Aber wenn ich mal einen Überraschungsgast in meinem Wohnzimmer finden sollte, würde ich vermutlich eher nach der Keule als nach dem Kuchen angeln …

    Antwort

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