Der Wellpappenmann, die Zweite

Mein erstes Blind Date. Wir haben uns vor einem Café verabredet. Ich bin blöderweise nicht allein gekommen: Der Wellpappenmann ließ sich nicht zu Hause in einer Kiste unters Bett sperren.

Ich bin schon da und erkenne mein Date sofort, als er auf mich zu gelaufen kommt.

„Ich bin wesentlich größer.“ Sagt der Wellpappenmann gelangweilt, die Hände tief in den Hosentaschen.

Als mein Date vor mir steht, sehen wir uns eine gefühlte Ewigkeit lang an. Er ist einen Zentimeter kleiner als ich. Sein Gesicht ist rund und tiefrosa. Er lächelt und auf seiner breiten Stirn und an seinen Augen entstehen ungelogen 100 Falten. Die Augen sind blass. Sie lächeln nicht mit. Seine Haare sind rötlich-blond und kurz.

„Ich sehe wesentlich besser aus.“ höre ich den Wellpappenmann sagen.

Wir reichen uns die Hände. Dann gehe ich voran zum Eingang. Er hinter mir, etwas unsicher und fahrig, lässt mich den Platz aussuchen.

Schließlich sitzen mein Date und ich uns gegenüber, der Wellpappenmann an meiner linken Seite. Ich schnappe mir die Karte und versenke mich erstmal darin. Ich erzähle ihm, dass ich erst seit einer Stunde wach bin und ein kleines bisschen Hunger habe. Er antwortet, er werde nur einen Cappuccino trinken. Wir sehen also beide in unsere Karten und die Kellnerin kommt an unseren Tisch. Mein Date bellt sie an, wir müssten noch schauen, bevor sie uns überhaupt hat begrüßen können.

„Netter bin ich auch.“ Sagt der Wellpappenmann. Ich sehe ein kleines verschmitztes Lächeln auf seinem Gesicht. Dann ist es weg, denn er hält sich eine Karte vor das Gesicht.

Mein Date und ich bestellen und fangen an uns zu unterhalten. Er ist Hauptschullehrer, erzählt von seinen Problemkindern, dass sie kein Sozialverhalten gelernt hätten, dass er sich nichts gefallen lasse, dass die Förderkinder in seiner Klasse jede Menge Extraarbeit verursachen würden. Dabei hebt er immer wieder missbilligend die Augenbrauen.

„Da können die Kinder doch nichts dafür.“ Sagt der Wellpappenmann ruhig und schüttelt langsam den Kopf, immer noch über die Karte gebeugt.

Mein Date fragt zwei Minuten nach meiner Arbeit, leitet dann über einen befreundeten Tierarzt zurück zu sich und seiner Heimat. Er ist erst vor kurzem hierher gezogen und beschwert sich die nächsten fünfzehn Minuten über das geringe Freizeitangebot.

„Ich meckere auch nicht so viel. Gar nicht, um genau zu sein.“ Wirft der Wellpappenmann dazwischen. „Du bist ja auch hier aufgewachsen.“ antworte ich. Es ist merkwürdig, jemand anderen diese Gegend nieder machen zu hören. Ich möchte spontan zur Verteidigung schreiten.

Meine Aufmerksamkeit lässt langsam nach. Ich beobachte jetzt mehr. Ein kleines Kind, höchstens zwei Jahre alt, verläuft sich immer wieder an unseren Tisch. Ich lächele ihm jedes Mal zu. Mein Date ignoriert es völlig und redet einfach weiter.

Wieder meldet sich der Wellpappenmann zu Wort: „Ich kann besser mit Kindern. Kannst du drauf wetten. Auch wenn du mich noch nie mit einem gesehen hast.“ Er hat die Arme vor der Brust verschränkt und starrt an die Decke. Dann sieht er mich an. „Mir ist langweilig. Lass uns nach Hause fahren.“

Ich frage mein Gegenüber nach der Uhrzeit – eine dreiviertel Stunde ist vergangen – und breche das Ganze ab (ich habe aufgegessen und die Gläser bzw. Tassen sind auch leer) mit der Begründung, noch wahnsinnig viel zu tun zu haben. Was auch absolut wahr ist.

Eine kurze Peinlichkeit entsteht noch beim Bezahlen. Dieser Moment ist übrigens immer peinlich. Der Wellpappenmann neben mir seufzt und schüttelt den Kopf.

Dann sind wir zur Tür hinaus. Mein Date und ich reichen uns die Hände. Er meint, ich solle mich melden. Ich antworte ihm, dass das keine gute Idee sei. Ich laufe zum Auto, der Wellpappenmann ganz entspannt zwei Schritte hinter mir. Als wir nebeneinander im Auto sitzen, grinst er mich an.

7 Gedanken zu „Der Wellpappenmann, die Zweite

  1. Tinalise

    Was ist eigentlich aus dem Wellpappenmann geworden? Also, so im Kopf? Spukt der noch rum oder hat der sich auf nach England gemacht? 😉 *neugierig, weil so spät erst die Artikel entdeckt*

    Antwort
    1. psychoberta Autor

      Tja, was soll ich sagen? Ich bin feige. Anstatt mich ernsthaft mit dem realen WPM auseinander zu setzen, hoffe ich, dass mir jemand anders besser gefallen wird und objektiv betrachtet bessere Voraussetzungen mitbringt (ALTER!). Und der in meinem Kopf springt immer mal wieder hinter dem Sofa vor, erschreckt mich, geistert dann für zwei Tage durch die Bude und versteckt sich danach wieder irgendwo. Festgefahrene Kiste. 😦

      Antwort
      1. Tinalise

        Oh, mhpf, das ist doof. So rein theoretisch, gäbe es denn überhaupt die Möglichkeit einer Kontaktaufnahme zum WPM? Oder ist das halt so ein Bekannter einer gemeinsamen Freundin, von dem man so keine Kontaktdaten rumfliegen hat, auf den man aber über die Freundin/den gemeinsamen Freund auf Geburtstagen oder sowas stoßen kann?
        Das Alter wird im Übrigen ohnehin überbewertet, jetzt echt mal. 😉 Irgendwie muss der gute WPM ja ganz schön Eindruck geschindet haben, wenn der immer noch im Kopf rumspukt…

      2. psychoberta Autor

        Er ist ein Bekannter, dem ich regelmäßig auf Veranstaltungen gemeinsamer Freunde begegne. Es sollte also eigentlich nicht soooo schwer sein. Mal schauen.

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